Es lebe die stille Fotografie

(c) Alexander Heinrichs(c) Alexander Heinrichs

Ein Hoch auf die leisen Fotos. Die Fotos, die erst auf dem zweiten Blick interessant werden. Denn dieser Einheitsbrei aus Effekt-Bildern geht einem langsam auf die Nerven.


Laut, starker Kontrast, verzerrte Optik. Bämm, Farbe satt, Fresse zur Fratze aufgerissen, Kontrast bis zum Anschlag, Dodge and burn bis die Schwarte kracht. Und wer das noch nicht kann: Dazu gibt es ja dutzende Tutorials auf Youtube. Diese „lauten“ Fotos sind gerade im Trend. Wie einst die zurecht vergangene Welle von vergewaltigten HDR-Bildern, die gerne mal über die Schmerzgrenze hinaus getrieben werden. Das sind „Wow“-Bilder, die man einmal schnell sieht und  wegen ihrer schreienden und penetranten Präsenz alles andere überdecken.

Doch die Wirkung ist nur von sehr kurzer Dauer: Beim zweiten, dritten Blick wirken diese Bilder austauschbar und langweilig. Der überraschende Effekt hat schnell Nachahmer gefunden und so sind die Bilder austauschbar. Das Interesse ist vorbei, denn das nächste Kracher-Bild mit dem noch tolleren Effekt ist schon um die Ecke gekommen. Gerade in der heutigen Bilderflut scheint also das Bild zu gewinnen, das am meisten „krach“ macht.

Wenn Fotografen-Promis auch mal andere Bilder zeigen

Dieser Trend stört sogar diejenigen, die bekannt dafür sind, eben diese Bilder zu erstellen: Denn Fotografen wie Matthias Schwaighofer oder Alexander Heinrichs verdienen ihr Geld ein Stück weit mit dieser Art Fotos. Und deren Publikum reagiert oft bestenfalls mit Gleichgültigkeit auf die dezenten Fotos dieser Fotografen, die weniger Technik und mehr Seele zeigen. Fluch und Segen:

(c) Alexander Heinrichs

Alexander Heinrichs kann auch still, wie ein Videotraining vom Rheinwerk-Verlag zeigt (c) Alexander Heinrichs

 

Denn mit genau diesen krachenden Bildern sind die Fotografen berühmt geworden, das Publikum hat daher eine gewisse Gewohnheit und Erwartungshaltung.
Alexaner Heinrichs hat dazu auf seiner Facebook-Seite geschrieben:

Muss es immer laut sein???
Müssen Bilder immer knallen?
Müssen in meinem Fall immer Farbe oder Mehl oder dergleichen durch die Luft fliegen?

Eine in meinen Augen unschöne Tendenz, die ich hier leider schon länger beobachte. Wehe wenn Matthias mal kein aufwändiges Composing hochläd, sondern ein ruhiges S/W Bild, schon wird es mit Mißachtung gestraft.

Warum ist das so? Weil man denkt, das bekomm ich auch noch hin? Dabei sind es oft die leisen Bilder, die schwierigen… (…)

Meine Meinung dazu: Ja, mehr Mut zu der anderen Art der Fotografie. Weniger Show und mehr die leisen Töne. Mehr Sein als Schein. Mehr Seele, mehr leben. Den zweiten Blick suchen und nicht das offensichtliche abbilden. Und jetzt die zugleich gute und (für Technik-verliebte) schlechte Nachricht: Dazu braucht es keine teure Kamera. Nur die Leidenschaft zur Fotografie und genügend Spiel- und Schaffenstrieb. Der Rest kommt fast von alleine.

Das Bild zählt, die Technik darf Nebensache sein

Die berühmten Vorbilder zeigen es, denn ihre Fotos sind nicht Effekthascherisch, sondern zeigen ihren Reiz auf dem zweiten Blick. So wirken die Bilder auf den ersten Blick mitunter banal, dennoch haben sie etwas fesselndes. Henri Cartier-Bresson, Mitbegründer der Foto-Agentur Magnum, hat seine Street-Photos streng durchkonzipiert, aber „nur“ mit einer Kleinbild-Kamera aufgenommen (siehe Fotografen-Zitate). Selbst die Nachbearbeitung seiner Fotos hat er seinen Magnum-Mitarbeitern in den Dunkelkammern überlassen, heute würden sie Photoshop benutzen. Cartier-Bresson legte also mehr Wert auf das Bild als auf die Technik, mit der er das Bild aufgenommen hat. Inspiriert von Cartier-Bresson ist auch ein anderer der einflussreichsten Fotografen unserer Zeit, der die Farbfotografie nach vorne getrieben hat: William Eggleston. Seine frühen Werke sind beeinflusst von Cartier-Bresson, nachdem er ein Fotoband von ihm gesehen hat.  Eggleston war und ist begeistert von der Konzeption der Bilder (klicke hier für Bilder und Ausstellungs-Infos zu Eggelstone). Die Liste lässt sich noch lange weiterführen, nahezu alle einflußreichen Fotografen könnte man hier aufzählen. Es gibt keinen Fotografen, der mit Effekt-haschenden Bildern Geschichte geschrieben hat. Also: Lasst es doch bleiben. Solange, bis solche Bilder wieder sehenswert ist. Also sehr lange. Am liebten Jahrzehnte. Oder ein abgewandeltes Otto-Waalkes-Zitat: Bilder wie diese müsste es hunderte geben. Leider gibt es tauende.

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Die Fotografie ist schon seit über 20 Jahren meine Leidenschaft, der ich mich auch beruflich als Journalist und Fotograf widmen kann. Obwohl ich ein Technik-Geek bin, interessiert mich beim Fotografieren vor allem das Nicht-technische. Denn das Spannende ist, wie man mit Fotos Geschichten erzählen kann.