Tipps zur Konzertfotografie

Prüfungskonzert Musication Nürnberg ©Hermann Groeneveld

Seit Jahrzehnten fotografiere ich Konzerte aller Art. Ich möchte meine langen Erfahrungen mit dem Thema Konzertfotografie mit Dir teilen und ein paar, hoffentlich wertvolle Tipps und Anregungen geben.

„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran“, war Robert Capas Maxime, die ich gerne teile. Beim Thema Konzertfotografie, eines meiner ganz großen fotografischen Leidenschaften, erst recht. Doch bevor ich mit meinen Erfahrungen und Tipps starte, zunächst ein paar Impressionen.

Reini Kleinburger – Die Schwarzwaldkrainer ©Hermann Groeneveld

Anton Gälle – Die Scherzachtaler ©Hermann Groeneveld

Isabel Rößler ©Hermann Groeneveld

The Rockin‘ Lafayettes – Rockin‘ Rocket-Blues-Band, Berlin ©Hermann Groeneveld

The Rockin‘ Lafayettes – Rockin‘ Rocket-Blues-Band, Berlin ©Hermann Groeneveld

Lars Groeneveld ©Hermann Groeneveld

Apogee, Rock ’n’ Roll-Band aus Ottobrunn ©Hermann Groeneveld

Apogee, Rock ’n’ Roll-Band aus Ottobrunn ©Hermann Groeneveld

Nanuk aus Nürnberg im Hinterhalt, Gelting ©Hermann Groeneveld

Michael Maier – Die Schwarzwaldkrainer ©Hermann Groeneveld

Reini Kleinburger – Die Schwarzwaldkrainer ©Hermann Groeneveld

Michael Maier – Die Schwarzwaldkrainer ©Hermann Groeneveld

Michael Maier – Die Schwarzwaldkrainer ©Hermann Groeneveld

Die Schwarzwaldkrainer beim Obertrainer-Festival in Begunje ©Hermann Groeneveld

Fotografische Chancen in kleinen Hallen

Lehrgeld in Form schlechter Bildausbeute zahlte ich zunächst in jungen Jahren: Ich besuchte Konzerte von Jethro Tull, Joe Cocker oder Genesis in großen Konzerthallen. Davon einmal abgesehen, dass man in den 70er Jahren noch ungehindert mit seinem reichhaltigen Fotoequipment – solange kein sperriges Stativ dabei war – den Eingang passieren durfte, konnten selbst mit einem Teleobjektiv von einem Rang aus oder in der brodelnden Arena eingezwängt zwischen den Fans stehend, kaum ansprechende Aufnahmen gelingen. Die guten Schüsse blieben meist den akkreditierten Pressefotografen vorbehalten, die bei solchen Konzerten für ein oder zwei Stücke der Künstler an die Bühne vorgelassen wurden. Also ging ich fortan ohne Kamera in Konzerte, zum ausschließlichen akustischen und optischen Genuss des Augenblicks.

Erst Jahre später entfachte meine Leidenschaft für Fotos rund um die Musik wieder aufs Neue, durch ein paar glückliche Fügungen: Mein Sohn Lars Groeneveld wurde Jazz-Musiker. Mit der Kamera durfte ich während seiner musikalischen Ausbildung so manches Prüfungskonzert begleiten; heute freue ich mich über jeden Gastauftritt seiner verschiedenen Formationen zu unterschiedlichsten Anlässen. Meistens finden diese in kleinen, intimen Etablissements statt. Mein Platz ist dabei stets nahe an der Bühne, die in kleineren Konzerträumen ohnehin nicht sehr hoch ist. Das Praktische dabei: Das Arbeiten an den Motiven findet sozusagen fast immer auf Augenhöhe statt, wie im unteren Bild zu sehen. Allerdings achte ich stets darauf, dem Publikum allenfalls für einen kurzen Moment die Sicht zu versperren. Ich kann häufig meine Position wechseln, was ein bedeutender strategischer Vorteil gegenüber dem festen Sitz- oder Stehplatz bei einem Promi-Konzert ist.

Konzertfotograie Schwarzweiß Klarinist und Bassist

Lars Groeneveld (rechts) ist Jazzmusiker (Klarinette, Saxophon). Mit dem lichtstarken Summilux-M 1:1,4/75 mm auf Blende 2 abgeblendet, an der Leica M6, gelang es, in einem sehr kleinen Rahmen Konzertfeeling analog auf Schwarzweißfilm einzufangen: Das Hauptmotiv, der Klarinettist, in der rechten Bildhälfte platziert, als eher ungewöhnliche Bildidee. Der Gitarrist, relativ viel Raum einnehmend, ist in leichte Unschärfe getaucht, trägt aber wesentlich zur Gesamtatmosphäre bei, wie auch das angedeutete Schlagzeug und das absichtlich am oberen Bildrand angedeutete Bühnenlicht. ©Hermann Groeneveld

Fette Fotobeute bei der Generalprobe

Ein weiterer Zufall verhalf mir zu kleinen Fotoaufträgen rund um die Musik, sogar mit einer gewissen Beständigkeit: Das Argeter Blasorchester ist in meiner Heimatgemeinde im Landkreis München ansässig und benötigt immer wieder aktuelle Fotos von seinen Auftritten. Bei konzertanten Veranstaltungen des Orchesters in der örtlichen Mehrzweckhalle wäre ich als Fotograf an der Bühne ein klarer Störfaktor für das Publikum. Denn ich möchte nicht ein paar Erinnerungsaufnahmen von meinem Sitzplatz aus machen, sondern mit meiner Fotografie der Musik und der Leidenschaft der Menschen, die musizieren durch ausdrucksstarke Aufnahmen gerecht werden. Dazu benötige ich maximale Bewegungsfreiheit, um die Akteure in den unterschiedlichsten Perspektiven fotografisch festhalten zu können.

Um mir das zu ermöglichen, habe ich mit der musikalischen Leitung die Vereinbarung getroffen, stets die Generalprobe zu fotografieren. Zur Generalprobe am Vortag des eigentlichen Konzertes herrscht an der Original-Location bereits Konzertatmosphäre, ohne Publikum: Die Bühnen-Deko ist aufgebaut, das Bühnenlicht ist final eingestellt und vor allem erscheinen alle Mitwirkenden zu diesem Termin in ihrer Konzertkleidung. Das ermöglicht es mir mit der Kamera auf der Bühne zu arbeiten, um Übersichten des Orchesters zu erzielen, wie auch Einzelporträts von Musikerinnen und Musikern aus der zweiten oder dritten Reihe. Es ist mir sogar möglich, erhöht auf einer kleinen Trittleiter stehend auf der Bühne zu agieren, um Details aus der Gruppe herauszulösen und außergewöhnliche Perspektiven zu realisieren.

Meine Tipps zu gelungener Konzertfotografie

Für wirkungsvolle Konzertfotografie stellen sich immer wieder die gleichen Anforderungen: Das Bühnenlicht in die Bildgestaltung mit einbeziehen, plus eventuellem Aufhellblitz, den Bildausschnitt wählen und den entscheidende Moment abpassen.

Das Licht muss in der Regel als gegeben hingenommen werden, was auch durchaus dazu führen kann, im ungünstigen Fall auf eine Aufnahme zu verzichten. Der Aufhellblitz kann aber häufig über kritische Situationen hinweg helfen.

Den Bildausschnitt zu bestimmen erscheint mir bei Orchestern als eine besondere Herausforderung: Ein guter Ansatz ist, sich an dem jeweiligen Satz – Klarinetten, Flöten, Tuben, Schlagwerk usw. – zu orientieren und überschaubare Kleingruppen der jeweiligen Instrumentengattung zu wählen.

Gleichwohl bleibt die Totalaufnahme des möglichst gesamten Orchesters eine Pflichtübung von Seiten des Auftraggebers. Die klassische Aufnahmeposition vor der Bühne bietet dabei freilich wenig kreativen Spielraum; es entsteht allenfalls ein gewünschtes Zeitdokument, das aber durchaus seine Berechtigung hat. Die etwas anspruchsvollere Übersichtsaufnahme dagegen kann durchaus ein Abschnitt sein: Das untere Bild zeigt bewußt nur einen Teil des gesamten Orchesters. Die Idee war hier, den Dirigenten mit einzubeziehen. Damit dies wirkungsvoll gelang, achtete ich auf die Bewegungsabläufe seiner Hände. Anscheinend eine Kleinigkeit, auf den ersten Blick nebensächlich erscheinend. Aber für mich die entscheidende Motivation für diese Aufnahme. Da sich ja die übrigen Bildelemente kaum veränderten, konnte ich den richtigen Moment abpassen und am Ende aus einer kleinen Serie von drei Aufnahmen das geeignetste Bild auswählen.

Argeter Blaskapelle – Neujahrskonzert 2020. Während der Generalprobe entstand eine seitliche Übersichtsaufnahme des Argeter Blasorchesters, auf der Bühne hinter der Reihe der Tubisten stehend, mit dem Fujinon XF 1:2,8 / 16-55 mm an der Fuji X-T2. Trotz der Totalen wurden gezielt Schwerpunkte gesetzt: Der Blick wandert über die große Tuba am rechten unter Bildrand über die Noten, die Flötistinnen im mittleren Bildbereich schließlich zum Dirigenten. Die etwas längere Belichtungszeit unterstreicht durch die erzielte Bewegungsunschärfe des Taktstockes die Live-Atmoshäre.
Bilddaten: ISO 1250, 1/15s, f11, 20 mm, Blendenpriorität, Aufhellblitz. ©Hermann Groeneveld

 

Den Satz der Tuben zu fotografieren, stellte mich vor die Aufgabe, wuchtige, schwere Instrumente gekonnt ins Verhältnis zu vergleichsweise zarten Köpfen und Gesichtern zu setzen. Menschen und Instrumente lassen sich aus Platzgründen innerhalb der Satz-Gruppe selten vollständig isoliert ablichten. So ist auch hier wieder der Ausschnitt mit Bedacht zu wählen: Es muss gelingen, die jeweiligen Musikantinnen und Musikanten so mitsamt ihren Instrumenten einzufangen, dass ein aussagekräftiger Bezug zwischen Mensch und Instrument, oder besser ausgedrückt, zwischen Mensch und seiner Freude an der Musik rüber kommt. Wichtig erscheinen mir dabei der Gesichtsausdruck, der konzentriert oder Freude ausstrahlend wirken kann und das was die Hände am Instrument machen.

Argeter Blaskapelle – Neujahrskonzert 2020. Hier liegt die wesentliche Bildaussage in den Gesichtern mit ihren konzentrierten Blicken. Die linke Person nimmt, relativ vollständig samt Instrument erfasst, mehr als die Hälfte der Bildfläche ein. Die Bildschärfe wurde auf ihr Gesicht als Hauptperson des Motivs gelegt. Die beiden anderen Personen bzw. ihre Instrumente sind teils angeschnitten. Das schadet hier nicht, die Bilddynamik kommt durch die diagonale Anordnung der Gesichter zustande. Die Bildwirkung setzt sich in der geschwungenen Form der Instrumente fort.
Bilddaten: Fuji X-T2; Fujinon XF 1:2,8 / 16-55 mm;
ISO 400, 1/20s, f7.1, 47 mm, Blendenpriorität, kein Blitz. ©Hermann Groeneveld

Fotografische Pflicht und Kür machen die Geschichte rund

In der Regel läuft der Fototermin mit meinem Orchester in zwei Hauptteilen ab: Im ersten Teil versuche ich möglichst vollständig, von den Auftraggebern erwartete Pflichtaufnahmen hin zu bekommen, so dass jeder der Aktivisten wenigstens auf einem Bild gut dargestellt ist. Das sind sowohl etliche Totalen, die ganze Teile des Orchesters wiedergeben, als auch Gruppenbilder der einzelnen Sätze.

Nach der Halbzeitpause beginnt dann für mich meistens die Kür. Das sind viele Einzelporträts, eigenwillige Perspektiven und Bildkompositionen mit Schärfe / Unschärfe und Details von Musikinstrumenten. Aber auch das kommt gut an.

Blaskapelle Stockdorf – Frühjahrskonzert 2019. Die Hauptperson, zweifellos der Solo-Trompeter, Hans Erhard, der den Alten Dessauer intoniert, ist hier dank offener Blende und Fokus auf den Bildvordergrund mit den Noten, in Unschärfe gehalten. Ebenso Dirigent und andeutungsweise das Orchester der Blaskapelle Stockdorf. Trotz der überwiegenden Bildunschärfe kam es mir wiederum auf den richtigen Moment an: Die Körperhaltung des Solisten und die Hände des Dirigenten.
Bilddaten: Fuji X-T2; Fujinon XF 1:2,8 / 16-55 mm;
ISO 1600, 1/110s, f2.8, 42 mm, Blendenpriorität, Aufhellblitz ©Hermann Groeneveld

Stefanie Künkel – Argeter Blaskapelle – Neujahrskonzert 2016. Während eines Konzertes mit Publikum unmöglich zu realisieren: Auf einer Trittleiter auf der Bühne stehend, gelang mit 85 mm Brennweite diese eher ungewöhnliche Ansicht der Flügelhornistin. Der Blick ist in der Hauptsache auf die Hände und das Instrument gerichtet. Das Gesicht durch den engen Bildausschnitt absichtlich nur angedeutet, erschien mir wichtig um den Bezug Mensch und Musik zum Ausdruck zu bringen. Durch Konvertierung der im RAW-Format vorliegenden Bilddaten in schwarzweiß mit dem Programm CaptureOne und Aussteuern der einzelnen Farbkanäle dieser Digitalaufnahme gelang es, eventuell störenden Hintergrund nahezu vollkommen zu eliminieren.
Bilddaten: Fuji X-T2; Fujinon XF 1:2,8 / 16-55 mm;
ISO 800, 1/20s, f9, 85 mm, Blendenpriorität, Aufhellblitz ©Hermann Groeneveld

Bei sehr raschen Bewegungsabläufen, die meistens an den Schlagwerken als fotografische Herausforderung warten, kann man seine eigene Reaktionsfähigkeit schön testen. Denn selbst mit der motorgetriebenen High-Speed-Digitalkamera bei Dauerauslösen und -blitzen lässt sich eine Situation, bei der es auf den Moment eines Sekundenbruchteils ankommt, vermasseln und man hat am Ende eine Ausschussserie. Ich bin in solchen Situation mittlerweile davon abgekommen, die Kamera auf Dauerbetrieb zu schalten. Ich belasse es beim Einzelbild-Schuss und konzentriere mich lieber selber auf den entscheidenden Sekundenbruchteil. Ich hatte bei dem Musikstück in diesem Beispiel drei Versuche, einer gelang auch, sogar der erste.

Argeter Blaskapelle – Neujahrskonzert 2016. Bild 6: Eine Aufnahme, die nur möglich wurde, weil ich auf der Bühne stehen konnte. Ich schoss eine Serie, da ich das Musikstück kannte, lies sich die Aufnahmephase für mich zumindest eingrenzen. Allerdings musste ich zwei Parameter im Auge behalten: Die Bewegungsunschärfe sollte unbedingt das Bild belebend unterstützen und das Gesicht, der konzentrierte Blick des Musikers sollte dennoch scharf und vor allem möglichst vollständig erkennbar sein. Das im Querformat aufgenommene Bild wurde auf ein Quadrat reduziert, um störende Bildelemente auszuschließen. Wieder ein gutes Beispiel, dass der richtige Moment ausschlaggebend ist.
Bilddaten: ISO 800, 1/13s, f9, 64 mm, Blendenpriorität, kein Blitz. ©Hermann Groeneveld

Bei einem Konzert junger Nachwuchs-Jazz-Musikerinnen und -Musikern zu Ehren von Kurt Maas im Gasteig in München, war mein Sitzplatz in der ersten Reihe, mittig vor der Bühne, Fluch und Segen: Meine Position konnte ich nicht verändern, ich mußte mit der eher ungünstigen, stets gleich steilen Perspektive nach oben gerichtet, Vorlieb nehmen. Immerhin hatte ich während des Konzerts stets freie Sicht auf das wechselnde Bühnengeschehen.

Bild 1

Bild 2 – Die beiden analogen Aufnahmen entstanden mit dem Leica Summilux-M 1:1,4/75 mm bei Blende 2, auf Kodak TMAX 400, bei normaler Belichtung und Entwicklung. Die Beispiele zeigen sehr schön, wie nur ein kurzer Augenblick nach dem ersten Schuss und nur durch eine geringfügige Veränderung des Bildausschnittes mit Einbezug einer weiteren Person aus dem Ensemble auf der Bühne, eine veränderte Bildaussage zustande kam. ©Hermann Groeneveld

Stimmungsvolles Seifenblasenbokeh

Nicht nur bei Konzertfotografie, aber insbesondere bei Porträtfotografie hat ein Stilmittel derzeit Hochkonjunktur, das im Grunde auf einen optischen Fehler des jeweils verwendeten Objektivs basiert: Das sogenannte Seifenblasenbokeh: Fokussiert man bei möglichst ganz offener Blende eines lichtstarken Objektivs, z.B. auf das Gesicht, vorzugsweise die Augen seines Modells und gehen dabei vom Hintergrund in seiner natürlichen Unschärfe mehr oder minder starke Lichtreflexe aus, so sieht man letztere als ‚Seifenblasen‘. Diese schwirren dann häufig um die Köpfe der abgelichteten Personen herum, was gemeinhin als ein angenehmes Bokeh verstanden wird. Ich empfinde diesen aufgesetzten, wiederkehrenden Effekt eher als störend, da er meistens vom eigentlichen Bildinhalt ablenkt und kaum eine individuelle fotografische Handschrift erkennen lässt.

Argeter Blaskapelle – Neujahrskonzert 2020. Das Leica Summilux-M 1:1,4/75 mm an der Fuji X-T2 adaptiert, bei offener Blende: Ein wenig ‚Seifenblasen‘ kann auch diese hochwertige Optik, was ich aber toleriere, weil es nach meinem Geschmack noch natürlich wirkt, nicht als aufgesetzter Effekt wahrgenommen wird und auch nicht vom Hauptmotiv ablenkt. Die Kamera erlaubt es, die Bildwirkung im Life View zuvor zu beurteilen. Oft hilft nur ein leichtes Kippen und man erzielt die gewünschte optische Wirkung. ©Hermann Groeneveld

Glücklicherweise kommt mir entgegen, dass meine Leica-M-Objektive, die ich häufig auch an meine Digitalkamera adaptiere, von diesem Fehler weitgehend befreit sind. Es gibt übrigens sogar Objetiv-Manufakturen wie Meyer Optik Görlitz, die ihre Gläser gezielt auf die Seifenblasen-Haptik bei offener Blende und somit auf eine optische Unzulänglichkeit hinkorrigierten und diesen Effekt auch kräftig bewerben. Auch günstige Spiegeltele-Objektive, im Volksmund „Russentonne“ genannt, erzeugen ein Seifenblasenbokeh. Wenn Du Dich eingehender mit der in sich sehr interessanten Thematik Objektiv-Bokeh befassen möchtest, empfehle ich diesen Wikipedia-Beitrag zu Bokeh.

Schwarzweiß-Techniken

Konzertfotografie wird gerne, zu recht wie ich finde, mit Schwarzweiß-Fotografie assoziiert. Und in der Tat ist es für mich einfacher, die zuvor genannten Anforderungen an meine Konzertfotos in Schwarzweiß-Aufnahmen umzusetzen.

Arbeite ich digital, was bei Aufträgen unerlässlich ist, entwickle ich meine RAW-Dateien mit Capture One und bearbeite in Affinity Photo gegebenenfalls nach. Von geeigneten Motiven erstelle ich Varianten in Farbe und schwarzweiß; meistens erhält der Auftraggeber beides von mir. Das ist bei Details und Porträts häufig der Fall, während die Übersichtsaufnahmen eher in Farbe bleiben.

Ein entscheidender Vorteil der Digitalfotografie ist die einfache Möglichkeit, das Bild in Schwarzweiß zu konvertieren. Dabei kann man die einzelnen Farbkanäle individuell aussteuern. Beispielsweise kann ich die Helligkeit (auch Grauwert) einer eigentlich grünen Weste über den Farbregler in Capture One individuell festlegen. Das ist übrigens auch mit anderen Programmen wie Adobe Lightrool Classic CC oder Skylum Luminar möglich. Zudem bietet Capture One einige vorgefertigte Monochrom-Einstellungen für die Schwarzweißkonvertierung an, die entweder schon das perfekte Ergebnis liefern oder manchmal auch Ausgangspunkt sind, für eigene, individuellen Nachbearbeitungen.

Meine Kamera und den Blitz konfiguriere ich so, dass überwiegend das Umgebungslicht die Bildwirkung bestimmt und die Blitz nur minimal aufhellt. Die intelligente Kamera-Elektronik erkennt dabei, ob das Umgebungslicht ausreichend ist und der Blitz zwar abfeuert, aber kaum zur Belichtung beiträgt. Oder ob beispielsweise der Vordergrund eine Aufhellung vertragen und entsprechend die Blitzleistung dem Umgebungslicht angepasst würde.

Die ISO-Einstellung meiner Fuji X-T2 stelle ich bei Konzertfotografie auf 800 oder 1600 ein. Denn laut Expertenwissen von Fuji-Anwendern nimmt die Kamera ohnehin stets mit ISO 200 auf und interpoliert ordentlich, wenn höhere Werte gewählt werden. Das macht sie bei sehr guter Bildqualität, ohne dass ich ein merkliches Bildrauschen vernehme. Meine auf Fuji optimierte Capture-One-Version trägt wesentlich zur Ergebnisoptimierung bei. Dennoch möchte ich mit meiner eher konservativen Vorgehensweise alle Einstellungen selber im Griff behalten und der Automatik sowenig überlassen, wie gerade notwendig. In kritischen Beleuchtungssituationen passe ich die ISO-Einstellung schon mal nach oben an, regle aber danach sofort wieder auf einen möglichst niedrigeren Wert herunter.

Analog zu fotografieren ist immer noch ein wenig Pionierarbeit

Bin ich jedoch mit meiner Leica M6 mit einem 400 ISO-SW-Film vor Ort, muß ich mit dem vorhandenen Licht bei gegebener Filmempfindlichkeit zurecht kommen. Daher messe ich wichtige Bilddetails (Gesichter, Instrumente) zuvor durch einen engeren Sucherausschnitt vor dem Auslösen an, soweit mir das möglich ist. Dabei nehme ich durchaus in Kauf, dass die Tiefen, wie etwa Kleidungsstücke der Porträtierten, völlig ohne Zeichnung sind; solange die Hauptsache (Gesichter, Hände und Instrumente) gut erkennbar bleiben.

Unbenommen ist, dass der digitale Workflow von der Aufnahme über die RAW-Datei bis zum fertigen Endprodukt, einer sauber ausgearbeitete Bilddatei, die sich auch im Druck oder als Fotoabzug sehen lässt, bei schwierigen Beleuchtungssituationen gegenüber der Analogfotografie im Vorteil ist.

Prüfungskonzert der Hochschule für Musik und Theater München. Um den Blick auf Gesicht, Hände und Instrument der Violinistin zu konzentrierten, wählte ich einen harten Kontrast bei der Bildbearbeitung in Affinity Photo, der störende Elemente im Hintergrund verschwinden lässt.
Bilddaten: Leica M6, Summilux-M 1:1,4/75 mm , offene Blende; Kodak T-Max 400, kein Blitz. ©Hermann Groeneveld

Mache Menschen in Deiner Umgebung Freude mit Deinen Fotos

Promi-Konzerte zu fotografieren wird immer schwieriger – zumindest, wenn man Zutritt mit einer halbwegs professionellen Kameraausrüstung in die Konzerthallen begehrt. Das ist bei großen Konzertveranstaltungen aufgrund von Sicherheitsbestimmungen mittlerweile so gut wie ausgeschlossen. Dennoch gibt es natürlich immer noch, bei allen Verboten und Geboten die unzähligen Konzert-Fotos und -Filme, die via den kleinen Mobilgeräten in unseren Taschen den Weg ins Netz finden. Und ja auch nicht die schlechteste Promotion für die Künstlerinnen und Künstler darstellen. Aber das ist eine eigene bildnerische Klasse, die der Freude am Event gerecht wird und durchaus ihre Berechtigung hat.

Wenn Du jedoch bei Deiner Konzertfotografie einen kreativen, künstlerischen Anspruch suchst, möchte ich Dir empfehlen, Dich in Deinem lokalen Umfeld nach fotografischen Möglichkeiten umzusehen. Es findet sich erstaunlich viel oberflächlich fotografiertes Material in den sozialen Netzen, das allenfalls einem Spaßfaktor Genüge tut. Es gibt in der großen Bilderflut leider erschreckend wenig wirklich anspruchsvolle Fotos. Hier setzten Deine Möglichkeiten an, selbst mit einer mittelpreisigen Kameraausrüstung unter Beherzigen einiger meiner Tipps, Aufnahmen zu erzielen, die den Performenden auf der Bühne und deren Anspruch an ihre Musik auch fotografisch gerecht werden. Unter Deinen Lokalmatadorinnen und -matadoren wirst Du dankbare Abnehmer für Deine Bilder finden und selber viel Freude haben. Und Du bist immer nah dran. Viel Spaß wünscht Hermann Groeneveld

 

Kategorie Neuigkeiten, Ratgeber

Verheiratet, zwei erwachsene Kinder, eine Enkeltochter • Geboren 1956 in Ostfriesland • Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb • Photographie seit 1968, anfangs mit der Agfa Synchro Box • Schulzeit bis 1973 • Arbeit auf einem Bauernhof 1973 / 1974 • Übersiedlung von Ostfriesland nach München • Technische Ausbildung 1974 – 1977 in München • Seit 1977 Arbeit für verschiedene Firmen im technischen Bereich • Dozent für praktische Photographie an der Volkshochschule von 1981 bis 1983; Schwerpunkt: Landschaftsphotographie • Familiengründung und Übersiedlung in die Gemeinde Sauerlach 1983 • Seit 1991 als Technischer Redakteur tätig • Arbeit als Redakteur und Korrespondent für verschiedene Photozeitschriften und Artwork Magazine (1982 – 2004) • Veröffentlichung verschiedener Photobücher und Kalender über Natur und Landschaft, sowie die Basler Fasnacht • Bevorzugte analoge Kamerasysteme: Leica M und Rolleiflex / Rolleicord TLR • Digitale Photographie: Nur wenn es unbedingt sein muss (Fuji X-T) • Weitere Hobbys und Interessen: Kontrabass spielen, Raumfahrt, interplanetare Forschung • Lieblingsgericht: Was meine Frau gerade kocht