6 Fotografen, sechs Portraits der selben Person

Sechs Fotografen machen 6 Portraits mit unterschiedlichen ErgebnissenSechs Fotografen machen 6 Portraits mit unterschiedlichen Ergebnissen

Was passiert, wenn ein Fotograf nur eine knappe Beschreibung über eine Person hat, die er noch nie kennen gelernt hat. Und wenn er danach sofort ein Portrait dieser Person erstellen soll. Es siegt das Vorurteil und nicht der Blick auf den Menschen.


Bei einer Portrait-Aufnahme legt man viel Augenmerk auf Lichtführung, Bildausbau und Kameratechnik. Und das ist ohne Zweifel richtig. Was macht dann aber den Unterschied aus, dass manche Portraits seelenlos aussehen oder man auf anderen Portraits das Gefühl hat, sogar sich selber in den Menschen auf dem Foto zu erkennen?

Portraits gehören zur Königsdisziplin in der Fotografie. Denn besonders bei der Menschenfotografie zählen andere Dinge als die Technik. Einem wesentlichen Faktor schenkt man als Fotograf oft nicht die nötige Aufmerksamkeit oder lässt sich nur allzuleicht von Äußerlichkeiten blenden: Dem Menschen, den man portraitieren möchte. Das wirklich Spannende ist, wie man das Wesen der Person möglichst so darstellt, wie man ihm begegnet – abseits aller Klischees, Vorurteile und Masken, die nun mal jeder von uns mit sich herumträgt.

Eine Begegnung von zwei Menschen

Die Stimmung zwischen zwei Menschen, also dem Fotografen und dem zu portraitierenden, ist das eigentliche, das man auf einem Foto sieht. Und genau dies macht den Unterschied aus zwischen einem Retorten-Portrait, bei dem technisch alles stimmen mag, aber die Seele fehlt, und der Begegnung zweiter Menschen. Die Kunst dabei ist im Grunde so alltäglich: das Gegenüber als den Mensch zu sehen, der er ist. Egal, welchen Status er hat. Ob Top-Manager, Promi oder Knasti. Allen gemein sind die grundsätzlichen menschlichen Bedürfnisse und menschliche Eigenschaften. Liebe, Angst, Aggression, Hunger, Durst, Lust auf Sex. Wer hinter die Kulisse blicken kann, den Menschen aufbauen, und ihren wahren Charakter erfasst, ist nicht nur ein großer Fotograf. Er ist auch ein großartiger Mensch, bei dem sich andere angenommen fühlen. Den größten Fotografen ist dies buchstäblich in die Wiege gelegt, so wie beispielsweise die Ausnahmefotografen Peter Lindbergh oder Jürgen Teller.

Faszinierendes Video-Projekt von Canon Australien

Zu welch unterschiedlichen Ergebnissen man bei einem Portrait kommt, wenn man das Gegenüber auf seine äußeren Merkmale begrenzt, zeigt sehr beeindruckend Canon Australien in einem Promo-Video.

Die Aufgabe: Sechs Fotografen sollen eine Person portraitieren. Ihnen wurden unterschiedliche Informationen über diese Person gegeben: Bei dem einen war er ehemaliger Alkoholiker, bei anderen Selfmade-Millionär, Ex-Häftling  oder Gedankenleser.

OK, die Fotografen wurden stark manipuliert. Und anscheinend denken sie – oder es ist ihnen gesagt worden -, dass sie den Protagonisten entsprechend der erhaltenen Infos in Szene setzen sollen. Doch wie auch immer die Bilder entstanden sind: Sie zeigen überspitzt genau das, was passiert, wenn man nicht den Menschen an sich im Blick hat.

Denn die Resultate sind höchst unterschiedlich. Sie spiegeln die Vorurteile über die zu portraitierende Person wider, die sich der jeweilige Fotograf alleine durch die knappe Beschreibung der Person kurz vor dem Shooting erhalten hat.

Eine ganze Serie von Canon Australia

Dieses Video zeigt dies sehr eindrucksvoll und mittlerweile ist es mit knapp 8,7 Millionen Klicks ein richtiger Youtube-Hit geworden. Daher hat Canon Australien mit „THE LAB: Shifting Creative Thinking Behind The Lens“ eine ganze Serie zu ähnlichen Themen erstellt. Eine weitere Aufgabe war, nichts zu fotografieren: Sechs Personen sollen Fotos von einer weißen Wand machen. Dabei sind sie auf die unterschiedlichsten Ideen gekommen (siehe weiteren Artikel auf gut-fotografieren.de).